text und so | wandelnder wortwahn | 13103 Besucher seit Februar 2008
22. Juni 2010

WAS MACHT EIGENTLICH ANSELM BILGRI?


 Offen für die Kirche, wenn sie ruft

Portrait, Anselm Bilgri
Anselm Bilgri im Interview

Merkur Starnberg, Seite 8 Lokales LANDKREIS Wochenende, 19./20. Juni 2010 | Nr. 138
Landkreis – Der ehemalige Prior von Kloster Andechs ist nach seinem Ordensaustritt im Jahr 2004 alles andere als ruhig geworden – er ist gefragter Redner, Ratgeber und Autor. Soeben ist sein neues Buch „Herzensbildung“ erschienen, „ein Plädoyer für das Kapital in uns“. Merkur- Mitarbeiterin Angi Kiener traf Anselm Bilgri, um zu erfahren, was macht eigentlich Herr Bilgri heute, und wie geht es ihm dabei?

• 2004 haben Sie nach drei Jahrzehnten ein geregeltes Klosterleben hinter sich gelassen und sind in die Welt außerhalb der Klostermauern getreten. Wie hat dieser Schritt Ihr Leben verändert?
Zunächst muss ich betonen: Dieser Schritt, also der Austritt, war kein Bruch. Das Eintreten ins Kloster – ich war damals erst 21 Jahre alt – war für mich weitaus schwieriger. Doch beim Austritt hatte ich ganz andere Perspektiven, beim Eintritt konnte ich nicht so genau wissen, was kommt. Dieser Schritt war schon einer in eine gewisse Unsicherheit. Doch ich habe ihn nie bereut. Ebenso wenig hab‘ ich es bereut, viel Lebenszeit im Kloster verbracht zu haben; auch dort konnte ich mich 30 Jahre lang selbst verwirklichen.

Anselm Bilgri, Angi Kiener
Anselm Bilgri im Interview mit Angi Kiener im Emminger Hof

• Vermissen Sie die Gemeinschaft mit den Mitbrüdern?
Nein, ich vermisse eigenartiger Weise nichts dergleichen. Damals stand die Gemeinschaft im Vordergrund. Jetzt ist mein Lebensrhythmus mein Mittelpunkt. Anfangs hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich länger schlief als zu Klosterzeiten.

• Pflegen Sie weiterhin Kontakte nach Andechs?
Ich besuche alle paar Monate den Klostergasthof. Aber nicht das Bräustüberl oben auf dem Berg, da könnt’s einen gewissen Wirbel geben, wenn ich da auftauche. Zu meinem ehemaligen Mitbruder Frater Lambert habe ich nach wie vor Kontakt. Ich finde es schade, dass ich seit der Kirchenrenovierung, die ich noch in die Wege geleitet habe, nicht mehr in der Andechser Klosterkirche war und auch die neue Orgel dort noch nie gehört habe. Das tut mir leid, aber in dieser Hinsicht hoffe ich auf eine Versöhnung mit dem Kloster – bis dahin übe ich mich einfach in Zurückhaltung.

• Haben Sie heute mehr Freiheiten?
Ich habe mich auch im Kloster nie unfrei gefühlt. Objektiv betrachtet habe ich heute mehr Freiheiten als früher und ich hoffe, das tut mir im angenehmen Sinne gut. Heute muss ich niemanden im Kloster fragen, mich nicht entschuldigen. Dafür bestimmen heute meine Kunden Zeitpunkte in meinem Leben. Freie Meinungsäußerung konnte ich auch hinter Klostermauern praktizieren. Jetzt muss ich meinen eigenen Haushalt koordinieren. Und ich bin mittlerweile so weit, die Rezepte in den fünf Kochbüchern die ich mit begleitenden Texten versehen habe, auch nachkochen zu können.

• In Ihren Publikationen reagieren sie schnell auf das Tagesgeschehen. Haben Sie die öffentliche Auseinandersetzung mit dem politischen Geschehen im Kloster vermisst?
Ich konnte jeden Sonntag predigen, hielt schon damals viele Vorträge und so gesehen hab‘ ich das nicht vermisst. Natürlich muss man als Prior eine gewisse innerkirchliche Zurückhaltung üben, und heute macht es mir umso mehr Freude, mich aktuell zu äußern, ohne vorher über eine übergeordnete Autorität nachdenken zu müssen.

• Stichwort Erneuerung in der Kirche und Missbrauchsvorwürfe: Auf Ihrer Homepage beschreiben Sie sich als „Gratwanderer zwischen Kirche und Welt“. Was raten sie ihren Mitbrüdern und -Schwestern?
Missbrauch ist eine schreckliche Sache, Missbrauch muss geahndet werden. Aus Geschehenem müssen Konsequenzen gezogen werden, es muss ein grundsätzliches Umdenken in Sachen Kirche und Sexualität stattfinden. Auch die katholische Kirche kommt um dieses Thema nicht mehr herum. Man muss den Zölibat als Selbstverpflichtung für Priester neu diskutieren, diese Regelung wird von den Menschen nicht mehr verstanden. Das gleiche gilt für die Ökumene: Es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, dass Eucharistie und Abendmahl zwischen Evangelen und Katholiken nicht gemeinsam stattfinden können. Man muss Priestern und Gläubigen mehr Eigenverantwortung zugestehen und von einer von oben versorgten Gemeinde den Schritt zu einer für sich selbst sorgenden Gemeinde tun. Darum plädiere ich für ,Auftritt statt Austritt‘.

Portrait, Anselm Bilgri
Portrait von Anselm Bilgri

• In ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich mit Werten fernab von Zahlen- Daten-Fakten-Wissen. Lassen sich in Krisenzeiten die Egoismus-Räder, die die Profitgier bedienen, noch zurückdrehen?
Individuelle Freiheit wird heute sehr hochgehalten, und das ist auch nichts Verwerfliches. Ein bloßes Zurückbesinnen auf sekundäre Tugenden bringt uns nicht weiter. Selbstverwirklichung bedeutet auch Autonomie und Unabhängigkeit. Das sind wichtige Werte. Althergebrachte Werte müssen heute modern veranschaulicht werden. Auch ich möchte heute nicht so leben müssen, wie das meine Großeltern getan haben. Herzensbildung ist nicht nur Intuition, sie muss die Mitte des Menschen begreifen. Dazu gehört auch, dass das musische im Menschen gepflegt und gefördert wird. Und jeder muss begreifen, dass seine eigene Freiheit da endet, wo die Freiheit eines anderen beginnt. Alles braucht halt sein rechtes Maß. Ob auf den Finanzmärkten oder in eigener ethischer Verantwortung. Was früher selbstverständlich war, muss heute möglichst früh vermittelt werden, damit jeder mit dem rechten Augenmaß leben kann.

• Würden Sie diese Maxime nicht gerne auch in der Kirche vertreten?
Ich bin zwar Priester, doch gehöre ich heute keinem Bistum und keinem Orden mehr an. Wenn ich Gottesdienste abhalten will, muss ich diese beim Bischof bewilligen lassen. Die Kirche darf gerne meine Kompetenzen nutzen. Ich bin offen für die Kirche, wenn sie mich braucht.